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seeinglastsupper
1.0 - 2006 von
jo. schroeder steht unter einer
Creative Commons Namensnennung-NichtKommerziell-
KeineBearbeitung 3.0 Unported Lizenz
.
seeinglastsupper Version 1.0 - 2006
Inhaltsangabe
Einleitung
Die Schlüssel
Schlüssel 01 - Die Waage
Schlüssel 02 - Die Kreuzstangen und der Bogen
Schlüssel 03 - Wechselseitige Haltungen Judas/Petrus
Schlüssel 04 - Viertelkreis
Schlüssel 05 - Identitäten
Schlüssel 06 - Zeit und Macht
Schlüssel 07 - Gedecke und Abendmahl
Schlüssel 08 - Kleidung und Farben
Schlüssel 09 - Kragen
Schlüssel 10 - Bärte
Schlüssel 11 - Haare
Schlüssel 12 - Charaktere
Schlüssel 13 - Raum
Interpretationen
Die intime Gruppe
- der einflussreiche machtbewußte Petrus
- die Wandlung des gewissenlosen Judas
- das Verhängnis Maria Magdalenas/Johannes
Die primitive Gruppe
- der gelähmte Philippus
- der opportunistische Jakobus der Ältere
- der verletzte hasserfüllte Thomas
Die didaktische Gruppe
- der engagierte erfahrungslose Matthäus
- der bemühte opferbereite Thaddäus/Leonardo
- der unschuldige naive Simon/Wir?
Die globale Gruppe
- der cholerische Bartholomäus
- der tiefgläubige harmoniebdedürftige Andreas
- der göttliche Jacobus der Jüngere/Gottes Anwesenheit?
Der komplexe Jesus
Der letzte Schlüssel
Kommentar
Leonardo da Vinci
Ethisches System
GlaubenversusIntellekt
Einleitung
Unter der Leitung von Senoira Pinin Brambilla wurde das Bildwerk, das
‘Letzte Abendmahl’ von Leonardo da Vinci, 21 Jahre lang restauriert.
Finanziert vom italienischen Staat und privaten Sponsoren, steht es
heute als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO. Beschreibungen
und Interpretationen können, Bezug nehmend auf die Restauration, nur
mit einem letzten Vorbehalt gemacht werden. Tatsächlich sind die vielen
ineinander greifenden Hinweise, die zu folgender Interpretation führen,
zu zwingend, als das man von einer Verkettung von Zufällen sprechen
könnte. Leonardo da Vincis Werk das „Letzte Abendmahl” kann durch die
Anwendung von Kompositionsstrukturen, Indizien, psychologischen Auswertungen
und der Verschmelzung von Identitäten gelesen werden. Das Ergebnis ist
eine dramatische Gesamtaussage und viele verdichtete Einzelaussagen,
die 500 Jahre nach seiner Entstehung, nichts an Aktualität verloren
haben.
Die Schlüssel
Schlüssel 01 - Die Waage
Leonardo da Vinci hat mit der Tafel das Prinzip einer Waage umgesetzt.
Über seine angewinkelten Arme ist Jesus eine statische Verbindung mit
der Tafel eingegangen. Die auf die Tafel wirkenden Kräfte werden über
die Arme auf seinen Körper übertragen. Über das Gelenk des Halses kann
der Kopf von Jesus eine Gegenbewegung vollziehen. Der Ausschlag der
Waage wird durch Gewichte ausgelöst. Es sind mehrere Personen an diesem
Kräftespiel der Gewichte beteiligt. Auf der linken Seite sitzt Petrus
in der Mitte der Tafel. Auf gleicher Höhe hängt Judas mit seinem Oberkörper
auf der Tafel und Bartholomäus stützt sich am Tafelende mit beiden Armen
ab. Auf der rechten Tafelseite, wird über eine verdeckte starre Verbindung
das gesamte Gewicht Simons auf das rechte Tafelende gebracht. Leonardo
überträgt mit seinem Fuß sein eigenes Körpergewicht auf den Fuß von
Simon. Nach einer einfachen Formel ist die momentane Pattsituation nachvollziehbar.
Andere Personen sind an dem Kräftespiel der Gewichte nicht beteiligt.
Judas zieht auf der linken Seite die Tafel bzw. Waage nach unten. Das
Absinken einer Tafelhälfte entspricht einem negativen Schicksalsmoment.
Das Waagensystem hat zwei Anzeigen. Die beiden äußeren Fenster bilden
eine grobe digitale Anzeige. Die Verlängerung von Jesus Kopf schneidet
den Torbogen und bildet einen Feinausschlag.
Schlüssel 02 - Die Kreuzstangen und der Bogen
Die erhobene Hand Leonardos stützt mit den erhobenen Händen des Andreas
eine waagerechte Linie. Diese Waagerechte schneidet den Hals von Judas.
Matthäus hält mit seinen Händen sowohl die Waagerechte, als auch eine
Schräge, die in der unteren Hand Simons auf der linken Seite endet.
Die schräge Linie schneidet in der Verlängerung den Hals von Jesus.
Philippus beschreibt mit seinen beiden Händen gegeneinander verschränkte
vertikale Linien. Die beiden Liniensysteme können in einem jeweils rechtwinkeligen
Verhältnis zusammengebracht werden. Es gibt zwei denkbare Drehpunkte
dieser kreuzförmigen Systeme. Die ausgestreckte Hand des Matthäus und
der Schnittpunkt der vertikaler verlaufenden Linien. Jakobus beschreibt
mit seinen Händen einen Bogen. Auf der linken Tafelseite zeigt die Messerspitze
von Petrus auf einen Bauchpunkt von Andreas. Die Kompositionsgerüste
stehen für die persönlichen Stellungnahmen beteiligter Personen. Die
Waagerechte steht für eine ausgleichsuchende Position. Die Schräge steht
für negative Haltungen.
Schlüssel 03 - Wechselseitige Haltung
Petrus und Judas können in einer wechselseitigen Haltung betracht werden.
Die linke Hand ist beiden Körperhaltungen von Judas und Petrus zuzuordnen.
Detail: Judas hat einen eigenen farblich abgesetzten Tischbereich. Die
Faltung der Tischdecke wird zur Fliesenfuge. Judas hat seinen eigenen
Raum. Die Tischutensilien sind Grenzsteine dieses Raumes. Unter dem
Arm sichert er die Frucht von Petrus. Es ist eine Kartoffel.
Schlüssel 04 - Viertelkreis und Wiederholung
Für die Person zwischen Judas und Jesus erzeugt die Komposition eine
Struktur, die man als Verhängnisstruktur bezeichnen kann. Die passiven
gefalteten Hände bilden eine senkrechte Achse aus. In einer räumlichen
Betrachtung ergibt sich zwischen Judas und Jesus der Raum eines Viertelkreises.
Die Person in der Mitte ist in diesem Raum gefangen und kann nur in
diesm Raum hin- und herpendeln. Das sich wiederholende pyramidische
Dreieck zwischen der mittleren Person und Jesus spiegelt eine mögliche
Paarbeziehung wieder. Gleichzeitig wird auch ein unüberwindbarer Graben
zwischen den beiden Personen zum Ausdruck gebracht. Auffallend sind
die Austritte aus der Form. Durch die Kopfneigung wird der Kopf der
mittleren Person geteilt und tritt zur Hälfte aus dem Schutzraum der
Paarpyramide heraus.
Schlüssel 05 - Identitäten
Leonardo da Vinci hat historische Informationslücken durch freie Charaktere
ersetzt und innerhalb einer Figur verschmolzen. 1 Die Person neben Jesus
stellt sowohl Maria Magdalena, als auch Johannes dar. In der Wahrscheinlichkeitsbetrachtung
sind hier etwa zu 80-90% die Person Maria Magdalenas und zu etwa 10-20%
die Person des Johannes präsent. 2 In Thaddäus ist die Person Leonardo
gegenwärtig. 3 In dem sich abkehrenden gesichtslosen Simon ist ein unbekannter
Platzhalter geschaffen. Der Anonyme, der Betrachter oder wir alle. Simon
steht auch für das unschuldige naive Kind. 4 In der Person Jakobus der
Jüngere ist eine Anwesenheit Gottes umgesetzt.
Schlüssel 06 - Zeit und Macht
Die Dramatik des Bildes verdichtet sich im Zugriff der Hände im Umfeldes
des Gedeckes der Person neben Jesus. Der Griff der Hände in die Zukunft
spiegelt die verschiedenen Motive der Personen mit den unterschiedlichen
Interessen. Es sind 3 Aktivitäten, 3 Mächte, die hier zusammenprallen
und die Zukunft beinflussen wollen. Leonardo da Vinci hat die Tischutensilien
genutzt, die verschiedenen Zukunftsversionen veranschaulichen zu können.
Ausgangssituation: (Grafik-oben links) Herausgestellt ist der blaue
Einflussbereich von Judas. Die Utensilien sind auf der Grenze positioniert.
Es sind 2 Früchte in der Szene dargestellt. Die hintere Frucht gehört
zu dem Gedeck der mittleren Person. Die vordere Frucht, eine Pflaume,
gehört zu dem Gedeck des Judas. Mit dieser Frucht als beweglichen Grenzstein
ist eine Veränderung seines blauen Einflussbereichs möglich.
Judas: Judas greift zu der Frucht/Pflaume seines Gedecks, um durch die
Verschiebung nach rechts, seinen Einflussbereich zu vergrößern (Verschiebung
der blauen Fläche). In dem Moment, in dem das Glas in den Einflussbereich
gerät, wird es durch die Tafelneigung zum Kippen gebracht.
Petrus:Petrus will den Teller und das Glas trennen, um das Selbstopfer
von Jesus zu verhindern. Sein Ziel ist das Kippen der Tafel (=chaotischer
Zustand), um die beabsichtigte Zeremonie von Jesus zu stören.
Jesus:Jesus wird den Angriff vom Judas abwehren, dessen blauen Einflussbereich
zurückdrängen, damit die Allianz mit Petrus verhindern und das Abendmahl,
bzw. sein Schicksal durch das Vergiessen des eigenen Weines/Blutes vollziehen.
Maria Magdalena/Johannes: In diesem Schlüssel verbirgt sich auch das
Thema des heiligen Grals, dass hier ohne Zweifel von Leonardo da Vinci
aufgenommen worden ist. Der oben dargestellte Teller im Brennpunkt des
Geschehens weicht von der Tellerform der anderen 11 Personen ab (Jakobus
der Jüngere hat keinen Teller). In der speziell designten doppelten
Tellerkantung spiegelt sich die göttliche Farbe des Umhangs. Die betenden
Hände und der Teller bilden 2 genau übereinander liegende Ovale.
Schlüssel 07 - Gedecke und Abendmahl
Ein Gedeck besteht aus einem tiefen Teller, einem Glas Rotwein, einem
Brotstück, einem ovalen flachen Fischteller und einer Frucht. In dem
Zeitfenster, wie in Schlüssel 06 beschrieben, wird die zusammenhängende
Dynamik der Utensilien erkennbar. Die individuellen Positionierungen,
besonders das Verhältnis der Standpunkte von Weinglas und Essteller,
sind der Ausdruck der individuellen Bereitschaften zum Abendmahl. Tatsächlich
sind hier 2 Zukunftsperspektiven in den Auswirkungen auf die Gedecke
zu betrachten. In der Auswer-tung der Aussage unterscheiden Sie sich
aber nicht wesentlich. Bei einem Abkippen der Tafel in einer von Judas
und Petrus beeinflussten Zukunft würden sich die linksstehenden Gläser
sinnlos auf den Tisch ergiessen. In dem zweiten Fall, der von Jesus
initiierten Zeremonie des Abendmahls, bei der die Balance der Tafel
erhalten bleibt, ist der rechtstehende Teller der Ausdruck des Zurückgießens
des Weines oder Blutes aus dem Teller zurück in das Glas. Also die Ablehnung
des Abendmahls oder die nicht Annahme einer persönlichen Verantwortung.
Das Gedeck des Thomas bildet hier die Spitze eines Eisberges. Die Früchte
und Ihre Positionen sind Ausdruck des individuellen geistigen Erkenntniszustands
oder der geistigen Frucht aus den Geschehnissen. Die Brotstücke sollen
einer gerechten Verteilung, gleich den Kugeln auf einem Rechenschieber,
gehorchen. Tatsächlich sind hier auch die individuellen Abweichungen
erkennbar. (siehe auch Interpretation der Personen)
Schlüssel 08 - Kleidung und Farben
Die Farben der Kleidung sind psychologisch zu übersetzen. Den genaueren
Ausdruck findet die Farbe innerhalb der angewendeten Form eines Kleidungsstückes
und in der Beziehung zu ihrer Umgebung. Die Grundorientierung der Farben
sind: / Blau als die weltliche Orientierung oder physische Stärke. /
Rot als positive Emotion, soziale Bedeutung, Liebe / Grün (komplementär)
steht für negative Emotionen und unkontrollierte Gefühle. / helles Purpur
(Rosa) steht als Mischung aus Rot und Weiß (Liebe und Licht) für Göttlichkeit.
Die Schnitte der Kleidungen sind individuell und unterstützen die Charaktere.
- die innere Kleidung als Ausdruck des persönlichen Charaktertyps. -
die äußere Kleidung als Ausdruck der Aussstrahlung des gesellschaftlichen
Charaktertyps (siehe auch Interpretation der Personen)
Schlüssel 09 - Kragen
Der Kragen als Rahmengestaltungselement für den herausragenden Kopf
beschreibt durch Form, Farbe, Ausprägung und Detail die geistige Bewusstseinsreife
und geistige Verwandtschaft der Kleidungsträger.
Schlüssel 10 - Bärte
Die Bärte sind Spiegelungen des Besitzes von gesellschaftlicher Anerkennung
oder Aufmerksamkeit der vom Träger repräsentierten Lebensmaxime.
Schlüssel 11 - Haare
Die Haare sind Ausdruck der Bereitschaft des jeweiligen Trägers Jesus
die Dornenkrone aufzusetzen. Eine nestartige Frisur tendiert zur grausamen
Bereitschaft. Langes Haar repräsentiert den friedvollen Ausdruck des
Trägers.
Schlüssel 12 - Charaktere
Die Körperhaltungen und Gesichtsmimiken sind durch Tiercharaktere verstärkt
oder zu denen in Spannung versetzt. (Erkennbarkeit in %)
- Bartholomäus -
- Jakobus der jüngere -Taube (100%) - sichelförmiges Profil
- Andreas - Eule (100%) - Gesicht und Kopfdrehung
- Petrus - Rabe/Krähe (90%) - Körper- u. Handhaltung (Messer), evt.
Mundform, Stirn, Kommunikation
- Judas -
- Maria Magdalena/Johannes
- Jesus
- Thomas - Fuchs (50%) - Nasenbogen, Auge
- Jakobus der Ältere - Turmfalke (100%) - Arm- und Kopfhaltung, Kopfform,
Kleidung
- Philippus - Gottesanbeterin (100%) - Armhaltung, Augenpartien, Beine,
Sack
- Matthäus - Hahn (100%) - Haltung, Haarkamm, Charakter
- Thaddäus/Leonardo - Adler (70%) - Haarflügel
- Simon - Küken (50%) kahler Kopf
Schlüssel 13 - Raum
Der Raum, bzw. besser benannt als Raumsystem symbolisiert kosmische
Raum- und Zeit-dimensionen. Die Decke bildet ein grundlegendes Zeitraster,
dass hier in 2 Richtungen eine ablesbare Skala entwickelt. Die aus dem
Raum auf den Betrachter zulaufende Achse ist die historische Zeitachse.
Der quer zum Raum stehende Rhythmus der Decke beschreibt die Lebenszeit
des Menschen in einem 10 Jahresrhythmus. Die Raumbreite zeigt eine statistische
mittlere Lebenserwartung an. Die seitlichen Ein- und Ausgänge symbolisieren
Geburt und Tod. Auf der rechten Seite erblickt der Mensch durch eine
kleine Klappe das Licht der Welt. Auf der linken Seite verlässt er in
voller Körpergröße den dunklen Raum. Die Rückwand ist das Aufreißen
der leblosen kosmischen Struktur durch das Bewusstsein des Lebendigen.
Fenster und Tür unterscheiden sich in der Qualität eines erweiterten
Durchblicks oder Ausgangs. Der Außenraum kann als schwer zugänglicher
und erfahrbarer Raum vielschichtig gedeutet werden. Durch die abstrakte
kosmische Dimension des Innenraums ist auch eine Umkehrung von Innen-
und Außenraum denkbar.
Interpretationen
Die intime Gruppe
Der einflussreiche machtbewusste Petrus
Petrus spielt in dem Bild von Leonardo da Vinci eine herausragende Rolle.
Die Schräge der Körperhaltung betont bereits die Störung der globalen
Ordnung. Durch das Wechselspiel seiner linken Hand (Schlüssel 3) und
der rechten, ein Messer haltenden Hand ,werden komplexe Beziehungen
mit seiner Umgebung aufgebaut. In seiner nach vorne greifenden Hand
kommt es zu einer dramatischen Szene in der Konfrontation mit der Hand
von Jesus. Petrus stellt neben der machtvollen Position von Jesus einen
weiteren Machtfaktor dar. Macht haben bedeutet hier Einfluss auf die
Zukunft nehmen zu können. Eine unheilvolle Zukunft ist durch den bereits
geschehenen Verrat terminiert. Petrus zieht aus dieser Tatsache eigene
Konsequenzen. Durch die eigene Persönlichkeitsstruktur in der Machtausübung
begrenzt, bedient sich Petrus verschiedener Mittel einer intriganten
Machtbereicherung. Er geht durch die Belastung der Tafel mit Judas die
umstürzlerische Allianz ein, kitzelt Andreas mit einer vordergründigen
Provokation mit der Messerspitze am Bauch, dessen Bemühen um Ausgleich
ihm missfällt und versucht die Person neben Jesus zu gewinnen, um Jesus
zu isolieren. Seinen geistigen Einfluss macht er dabei geltend durch
seine Autorität, als ältere Person im Gegensatz zu dem sehr jungen Johannes,
und aus einem aufgesetzten Vertrauensverhältnis zu der erwachsenen Person
der Maria Magdalena. Dieser(m) erklärt er mit dem Blick auf den Brennpunkt
des Geschehens (Schlüssel 6) sein Vorhaben, die Zukunft abzulenken.
Seine Alternative der Zukunft und Motiv ist, Jesus vor dem alleinigen
Selbstopfer abzubringen und lieber in einem gemeinsamen Kampf zu sterben
oder vielleicht auch zu überleben. Dies wird deutlich in seinem unterhalb
seines Handgelenk stehenden Gedecks aus Glas und Teller. Es ist sein
eigenes Blut, dass er bereit ist, dort in die Gefäße tropfen zu lassen
und mit dem Blut Jesus zu mischen. Sei es von der blutigen Hand im Kampf
mit dem Messer, als auch dem hier angerissenen Schicksal seiner eigenen
grausamen Kreuzigung am Ende seines missionarischen Werkes, bei der
ihm kopfüber das Blut aus dem Ärmel laufen wird.
Die Wandlung des skrupellosen Judas
Judas wird entsprechend den Schilderungen der Evangelien als Auslöser
der Krise dargestellt. Leoanrdo da Vinci begnügt sich aber nicht mit
der Darstellung eines Verrats gegen einen Beutel Geld, der Judas wie
einen kleingeistigen Schmarotzer erscheinen läßt. In Judas wird eine
großspurige extravagante Person mit ausufernden Besitztümern beschrieben,
die nur Regeln zur persönlichen Bereicherung und Besitzstandswahrung
folgt und diese kühl strategisch umsetzt. Judas steht in einer Konfrontation
zu Jesus. Es werden verschiedene Motive für einen Verrat angeboten.
Die persönliche Bereicherung durch das Geld, sein aufschauender neidvoller
Blick auf die Person Jesu, sein Begehren nach der Person Maria Magdalenas
oder dem jungen Johannes. Der Griff in den Kragen (Schlüssel 3) der
Person ist aus seiner Haltung heraus die Androhung oder die Versuchung,
der Person neben Jesus die Kleider vom Leib zu reißen. Dieser Ausdruck
wird durch das negativ emotional aufgeladene Grün seiner linken Armkleider
verstärkt. Sein Kragen weicht zur Schulter aufreizend zurück. Es ist
seine ungezügelte Leidenschaft, die von der Person Besitz nehmen will.
In dem Gedeck von Judas zeigt sich Skrupellosigkeit. Glas und Teller
stehen dicht beieinander und in seinem direkten Zugriff. Nach dem Ergießen
der Flüssigkeit wird Judas nicht zögern, das bittere Mahl zu sich zu
nehmen. Judas hängt zum gegenwärtigen Zeitpunkt mit seinem Gewicht an
der Tafel. In dem nächsten Moment des Abkippens wird er aber schon aus
dieser Position vor Jesus auf seine Knie sinken bzw. fallen und sein
persönliches Schuldbekenntnis vollziehen, dass den Evangelien folgend
in der Selbstjustiz endet.
Das Verhängnis der Maria Magdalena und des Johannes
Leonardo da Vinci hat die Personen Maria Magdalenas und Johannes in
einer Person verschmolzen. Dieses funktioniert sehr gut, weil beide
Personen auffallende Gemeinsamkeiten haben. Beide stehen für eine tiefere
Beziehung zu Jesus. Beide stehen für die Annahme einer passiveren Rolle
und beide stehen für die Attraktivität, der weiblichen bzw. der jugendlichen.
Mehrere Faktoren sprechen aber für eine stärkere Präsenz der Maria Magdalena
in der Figur. Die Komposition beschreibt eine Verhängnisstruktur, in
der die Person zwischen Judas und Jesus gefangen ist. Das Schicksal
der kommenden Geschehnisse beeinflusst auch das Schicksal dieser Person.
Auf der einen Seite steht der definitive Weg und Tod Jesu, auf der anderen
Seite der alternative Weg der Petrus’schen Allianz. Ihr Preis für diese
‘unheilige Allianz der letzten Rettung’ ist angedeutet als eine mögliche
Liaison mit dem hier noch einflussreichen Judas. Viel wichtiger als
die Verschränkung möglicher Motive und Handlungen, die nur Optionen
in einem unbekannten Handlungsfeld sind, ist vielleicht die großräumige
Rolle dieser Person. Im Gegengewicht zur männlichen Übermacht an der
Tafel projeziert Leonardo da Vinci eine Essenz der weiblichen Rolle.
Diese abstrakte Betrachtung beinhaltet eindeutig auch die Möglichkeit
eines vorhandenen ungeboren Lebens. In dieser Anschauung wird klar,
dass die gefalteten Hände neben der passiven selektiven Grundhaltung
der Person einen körperlichen Schutz des Bauchraumes beinhaltet. Das
weibliche Selektionsprinzip ,Geld (=weltliche Sicherheit) oder Liebe,
zeigt sich sowohl in einem nach unten geöffnetem symmetrischen Dreieck
des Blickes, als auch in den Kleidungsfarben. Auf der Seite Jesu wird
diese liebende Seite zur fast göttlichen Haltung in der Farbe eines
hell purpurenen Oberkleides. Die blaubetonte Innenkleidung zeigt die
nüchterne Weltsicht, die hier durch Judas und Petrus aktiviert wird.
Die Zusammenfassung dieser Person und der Person Jesu in dem sich wiederholdenden
pyramidischen Dreieck zeigt die Teilung einer Gesamtverant-wortlichkeit,
zum einen für mögliches neues Leben, zum anderen für das Funktionieren
der Welt und als einen Motor für die Quelle der Liebe. Die Kleidung
der Person ist stofflich reichlich ausgestattet. Keine Handlung ist
festgelegt, alle Handlungen sind denkbar. Die gefalteten Hände wiederholen
das Oval des Tellers oder der Schale. Es sind die trauenden und betenden
Hände um das vergossene Blut von Jesus.
Die primitive Gruppe
Der gelähmte Philippus
Philippus ist der erbarmungswürdige Ausdruck der Machtlosigkeit. Philippus
hält die gegeneinander geschränkten Stangen . Der Winkel zwischen den
Stangen ist für ihn die Schere, die er nicht zusammenbringen kann. Zwischen
den Stangen ist sein Kopf eingeklemmt und gefangen. Das rote Außenkleid
zeigt seine soziale Orientierung oder Bedürftigkeit, die durch das blaue
Innenkleid der weltlichen Probleme gekontert wird. Philippus befindet
sich in einer Zwangsjacke, die er aufreißen will. Er befindet sich in
einem für Ihn unlösbarer Konflikt, der ihn zerreißen will und schließlich
lähmt. Man könnte ihm die Worte in den Mund legen: „ Jesus, du verlangst
zuviel von uns. Ich bin ein einfacher Mann, mit ganz persönlichen kleinen
Sorgen. Wovon sollen wir leben, wie soll das alles weitergehen?“ Die
Haare von Philippus rollen sich zur Hälfte zu einer Dornenkrone zusammen.
Auch das für ihn unvermeidliche mit zu tragen, spiegelt sich in dieser
Haltung. Seine Bartlosigkeit zeigt die wenige Anerkennung, die er im
täglichen Leben erfährt. Seine paralysierte Haltung verstärkt sich in
dem Bild des Insekts der Gottesanbeterin.
Der opportunistische Jakobus der Ältere
Jakobus der Ältere beschreibt mit seinen Händen einen Bogen, der unter
Spannung steht. Aus dieser Grundhaltung heraus, kann er sowohl die Spannung
des Bogens nachlassen, als auch den Bogen brechen. Sein Blick ist auf
den entscheidenden Brennpunkt der Geschehnisse gerichtet. Von der Tischplatte
hält er sich in erkennbarem Abstand fern und verkauft dies als vorbildlich.
Sein Kopf ist mittig geteilt und füllt eine Hälfte die Fensteröffnung,
bzw. die negative Waagenanzeige. In seiner Frisur ist sowohl das friedvolle
lange Haar, als auch der Ansatz einer Dornenkrone erkennbar. Seine Kleidung
ist einteilig und nimmt die Farbe des Raumes an. Jakobus der Ältere
ist hier das Chamäleon, der Opportunist. In dem Bild des Turmfalkens
verstärkt Leonardo diesen Ausdruck. Es zeigt das Abwarten und die Strategie
des schnellen Zustoßens, die zur vordersten Anhängerschaft, der sich
durchsetzenden Vormacht führt.
Der verletzte hasserfüllte Thomas
Von der Tischplatte und dem eigentlichen Geschehen hält sich Thomas
fern und ist kaum wahrnehmbar. Sein Körper ist nahezu vollständig verdeckt.
Sein Kopf mit der ausgeprägten Form einer Dornenkrone zeigt im Fenster
der Waagenanzeige deutlich über den Horizont der außenliegenden Landschaft
hinaus. Der nach oben zeigende Finger ist für alle hier dargestellten
Systeme, als negativer Richtungsweiser, ein böses Ohmen. Thomas hat
sein Urteil bereits gesprochen. Es gibt möglicherweise ein Motiv für
seine destruktive Haltung. (siehe letzter Schlüssel) Die Gedecke von
Jakobus dem Älteren, Thomas und Philippus weisen Gemeinsamkeiten auf.
Teller und Gläser bilden ein zusammenhängendes Dreieck. Sämtliche Gläser
sind zum dazugehörigen Teller linksorientiert. Der Abstand von Glas
zu Teller vergrößert sich von Thomas über Jakobus dem Älteren zu Philippus.
Der kurze Abstand von Glas zum Teller bei Thomas ist das schnelle, selbstverständliche
Zurückgießen und die Verweigerung. Die geistige Frucht von Thomas ist
klein und außerhalb seiner Reichweite schon im Tischbereich des Gedecks
von Jesu. Thomas hat die Frucht abgelehnt. Der größere Abstand von Teller
und Glas bei Philippus zeigt die für ihn höher empfundene Überwindung
einer Ablehnung. Das Brot von Jakobus dem Älteren und Philippus ist
noch ungeteilt. Beide haben durch die einerseits abwartende und andererseits
gelähmte Haltung noch keine Handlung vollziehen können.
Die didaktische Gruppe
Der engagierte erfahrungslose Matthäus
Matthäus wird von Leonardo als eine Art Student skizziert. Er unterstützt
mit seinen Händen sowohl die waagerechte Linie, als auch die schräge
Linie. Seine ausgestreckte Hand ist ein Entscheidungsdrehpunkt. Matthäus
wird von dem Drang getrieben, bei jeder Tat mit dabei sein zu müssen,
um sich gesellschaftliche Sporen verdienen zu können (Schlüssel 10).
Es fehlt ihm jedoch an Bewusstsein und Erfahrung Sinn von Unsinn zu
unterscheiden. In Matthäus zeigt sich die Abspaltung zwischen Handlungsdrang
und Bewusstsein. In dem Charakter des Hühnervogels verstärkt Leonardo
diese Aussage. Kopf und Handlung laufen auseinander. Seine noch offene
Positionierung und Handlung wird durch seinen fragenden Blick an Simon
weitergeleitet, der dadurch höhere Bedeutung bekommt. In seinem Elan
ist Matthäus sogar fähig für jegliche Handlung eine nachgereichte eigene
Begründung abzuliefern. Vielleicht sagt er hier, dass Jesus als Gottes
Sohn doch unverwundbar sein muss, und er stützt auch die mögliche negative
Haltung oder Handlung, argumentativ ab. In seiner Frisur sind die Folgen
des negativen Ausschlags deines blinden Übereifers gezeichnet.
Der bemühte opferbereite Thaddäus/Leonardo
Leonardo hat sich in der Person des Thaddäus in dem System positioniert.
Die waagerechte Linie haltend, plädiert er für eine ausgleichende Haltung.
Über seinen Fuß überträgt er sein Gewicht auf Simon, um das System in
der Balance zu halten. Sein Blick geht in Richtung des Simon, sowie
in verstohlener Form auch in die Richtung des Bildbetrachters. Sein
ausgeprägter Bart und Kragen zeigen seinen selbstbewußten Wert für sein
geistiges Wirken und der verliehenen Anerkennung. Ein Detail zeigt möglicherweise
eine besondere Opferbereitschaft (siehe letzter Schlüssel).
Der unschuldige naive Simon/Wir
Leonardo da Vinci hat in Simon zwei freie Personencharaktere miteinander
verschmolzen. In der abgewandten Gesichtslosigkeit ist Simon ein Synonym
für uns alle, die wir dort mit am Tisch sitzen können. Über die erst
einmal anzunehmende Unschuld eines Unbekannten verbindet Leonardo die
Person auch mit dem naiven unschuldigen Gemüt eines Kindes. Der naive
Simon ist schicksalhaft mit dem Ende der Wippe verbunden. Er schaut
zum einen mit einem fragenden Blick zu Leonardo, welche der 2 dargebotenen
Alternativen der persönlichen Stellungnahme er annehmen soll. Zum anderen
ist der naive Simon die einzige Person, dem hier ein Blick nach draußen
zugeordnet werden kann. Es steht dadurch für ihn auch die Frage im Raum,
wie er zu diesem Außenraum kommt. Der Bart des Simon ist ein, mit Schnüren
versehener Spielbart. Die temporäre Aufmerksamkeit und Anerkennung,
die Kinder erfahren, ist nur verliehen und kann jederzeit abgerissen
werden. Als Hilfe, hat er auf seinem Platz eine moralische Stütze, die
das unabsichtliche Absinken der Tafel verhindert.
Die globale Gruppe
Der cholerische Bartholomäus
Bartholomäus ist hier der Ausdruck von physischer Kraft, die hier von
temporärer ungezügelter Wut und unverarbeiteten Emotionen, gelenkt wird.
Sein, wie ein Latz umgehängtes emotional grünes Aussenkleid, betont
dabei den Bauchraum als Quelle seiner Wut. Im Kraftspiel der Wippe,
ist Simon sein eigentlicher Spielball, den er als schwächeren erkannt
hat und an dem er seine eigene Kraft probiert. Isoliert betrachtet sind
Bartholomäus und Simon zwei kleine Kinder, von denen Bartholomäus der
Stärkere ist. Ein Zusammenhang mit dem übrigen Geschehen kann für Bartholomäus
nicht hergestellt werden. Bartholomäus ist in seiner Wut empathisch
blind. Die Folgen seines Tuns sind außerhalb seines Bewußtseins.
Der tiefgläubige harmoniesuchende Andreas
Andreas hält seine beiden Hände nach oben. Zusammen mit Thaddäus/Leonardo
hält er die Waagerechte. Der Ausdruck seiner Hände ist sowohl abwehrend,
als auch bewahrend. Der Körper von Andreas passt sich konsequent der
Tischordnung an. Das grüne symmetrische Oberkleid ist bei Ihm ein emotionaler
Abwehrschild. Der Kopf und das Gesicht von Andreas zeigt sowohl Zurückhaltung,
als auch die Orientierung auf den anderen Flügel der Tafelgemeinschaft.
In Andreas zeichnet Leonardo einen Menschen, der bemüht ist, den Frieden
durch den Erhalt von Konventionen, als auch durch die Stützung einer
harmonischen Mitte zu bewahren. Der persönliche Preis für diesen Frieden
ist hier als eine Trennung von Kopf und Körper gezeichnet. Leonardo
betont mit der Ausgestaltung seines Kragens, sein reiferes Bewußtsein,
einer ganzheitlichen Wahrnehmung und Problembewußtseins. Sein ausgeprägtes
Barthaar zeigt die generell hohe gesellschaftliche Bewertung für diese
gesellschaftsverbindende Haltung. Sein tiefer Glauben und die Bedeutung
seines Glaubens für die Gemeinschaft zeigt sich in der Verbindung mit
Jakobus dem Jüngeren.
Der göttliche Jakobus der Jüngere - Gottes Anwesenheit?
Über die Person Jakobus des Jüngeren hat Leonardo Gott mit ins Bild
hineingebracht. Die Gesamterscheinung Jakobus des Jüngeren und in besonderer
Weise sein Gesicht, orientiert sich formal an dem markanten sichelförmigen
Profil einer Taube. Das annormal ausgeprägte Kinn sträubt sich dabei
gegen jede Form des menschlichen Anerkennungsprinzips. Die hell purpurne
Kleidung vermittelt einen göttlichen Ausdruck. Der Kleidungskragen ist
formal mit dem Kragen von Jesus identisch. Jakobus der Jüngere beruhigt
Andreas mit der ganzflächigen Hand an der Schulter. Mit dieser Hand
nimmt er an einem globalen Punkt die Angst von Andreas und dem ihm angeschlossenen
System. Darin kann auch Anerkennung für die Bemühungen von Andreas liegen.
Als aktiver Keil schirmt er mit seinem Körper Andreas und mit ihm den
Rest der Tafel von der gefährlichen Wutquelle des Bartholomäus ab. Mit
der anderen Hand berührt er Petrus an einem Punkt zwischen Schulter
und Rücken. Diese Geste sitzt im Nacken der hier noch negativen Macht
von Petrus. Es ist das Gewissen von Petrus, dass hier angesprochen und
berührt wird. Eingreifen tut diese Hand scheinbar nicht. Es reicht jedoch
der geringste Einfluss, um in dem vorhandenen chaotischen Moment eine
Ablenkung der Zukunft zu verursachen. Eine Verbindung der Hände und
des Mundes ergibt eine denkbare Schleife der Macht. Alle Macht kann
hier im Mund Gottes beginnen und enden.
Der komplexe Jesus
Jesus steht im Zentrum des Bildes Leonardo da Vincis. Einerseits isoliert
und alleingelassen, ist er auf vielschichtige Art und Weise mit seiner
Umgebung verbunden. Über seine eingegangene Verbindung mit der Tischtafel
registriert er die Regung jedes Anwesenden. Seine Sensibilität wird
durch diese Verknüpfung des eigenen Schicksals gesteigert. Sein Kopf,
der Mittelpunkt des ganzen Systems, zeigt mit seismografischer Genauigkeit
jede Stimmungsveränderung im Raum an. Die Neigung seines Kopfes registriert
hier als Nadel im Torbogen eine negative Tendenz. Auf seine Hände verteilt
Leonardo da Vinci die verschiedenen Beziehungen, die er mit einzelnen
Personen oder Gruppen eingeht.
Die emotionale Seite Jesus - der emotionale Brennpunkt
Die innere Kleidung von Jesus ist in einem roten Farbton gehalten. Hier
wird seine innere emotionale und persönliche Seite aufgeschlüsselt und
überträgt sich auf die Handlungen der nach vorne gestreckten Hand. In
der Gestik der Hand verschmelzen sich eine ganze Fülle von Motivationen.
Diese sind zum einen aus der reinen Funktion entsprechend des Schlüssel
6 abzuleiten, der Bewegung der Frucht des Judas, sowie dem Greifen des
Glases. Darüber hinaus könnten folgende Aussagen hineingelegt werden.
Als aufgelegte schutzgebende Hand gegenüber der Maria Magdalena oder
des Johannes, oder sogar der Annahme der bereuenden Hand des Judas,
selbst wenn es keine solche Szene nach den Evangelien gab. Die abgeknickten
verkrampften Finger weisen auf den hier schon anwesenden Schmerz der
Kreuzigung.
Die weltliche Seite Jesus
Die äußere blaue Kleidung symbolisiert die weltliche Orientierung von
Jesus. Indem Jesus mit seiner offenen Hand auf das Brot verweist, erklärt
er seine weltliche Lösung des brüderlichen Teilens. Sein Blick und die
verlängerte Linie seiner Handdeutung schneidet auch den Hebelpunkt,
der von Philippus gehaltenen Schere. Jesus ist sich der individuellen
Probleme und Hürden bewußt und sieht auch die daraus entstehenden negativen
Handlungsmuster. Im letzten Schlüssel offenbart sich auch die nach oben
geöffnete Handfläche. Der einheitliche Jesus Genau betrachtet, kann
man die Sichtbarkeit der roten Innenkleidung, als darstellungstechnischen
Schnitt bezeichnen. Das blaue Oberkleid gibt damit nur temporär den
inneren emotionalen Kern frei. Leonardo da Vinci hat hier jedoch genug
blauen Stoff gezeichnet, der Jesus ganz einhüllen kann. Dies kann man
insofern als bedeutsam einstufen, weil jegliche Handlung aus einem Übereinanderliegen
von emotionaler und weltlicher Orientierung bestimmt ist. Dies entspricht
der klassischen Vorstellung einer wahrgenommenen Unteilbarkeit der Person
Jesus.
Der letzte Schlüssel
Der Kreuzbalken
Die Faltung der Tischdecke täuscht eine Tischplatte vor. Der Vergleich
der vermeintlichen äußeren Tischplattenstärken zeigt eine eindeutige
Differenz. Am Ende des Tuches zeigt die Tuchstauchung mit dem tiefliegendem
Knoten, das andere mögliche eingehüllte Volumen - einen riesigen Kreuzbalken.
Die Tischbeine sind dadurch nur noch schwache Gebilde, mit vorgezeichneten
Sollbruchstellen, die bei geringer Belastung einbrechen. Auf diesem
Hintergrund werden verschiedene Handhaltungen verständlich. Jesus offene
Hand ist hier ein Ausdruck für seine unglaubliche persönliche Opferbereitschaft
aus freiem Willen, an den Kreuzbalken gebracht und mit dem Nagel durchbohrt
zu werden. Leonardos 2te Hand zeigt hier seine persönliche maximale
Opferbereitschaft. Vielleicht würde er 1 oder 2 Finger seiner linken
Hand opfern. Auch die 2te Hand von Thomas muss man als Opfer an dem
Opferaltar des Kreuzbalkens deuten (siehe auch 1. Nachtrag). Möglicherweise
hat er bereits ein persönliches Opfer bringen müssen, aus dem seine
destruktive Haltung entstanden ist. Eine letzte tiefe Bedeutung erfährt
auch die Hand und der Arm des Petrus . Die Hand mit dem Messer befindet
sich in einer parallelen Haltung zum Kreuzbalken. Der Arm zeigt eine
Verschraubung. Dreht man den ganzen Körper des Petrus um diesen, ergibt
sich die Kreuzigungshaltung des Petrus. Jesu Leiden Das Abendmahl, die
schicksalhaften Momente und sein grausames Schicksal verschmilzen in
einem gegenwärtigen Augenblick. Durch die Unbeirrbarkeit der Haltung
von Jesus wird die kapitulative Geste des Kopfes der Maria oder des
Johannes gleichzeitig die Freigabe des Sie trennenden Schicksals. Im
Morgengrauen des Aussenraumes wartet das grausame Schicksal in symbolischer
Form eines Hügels. Hier kann sowohl die Gefangennahme Jesus am Ölberg,
als auch die Kreuzigung auf dem Hügel Golgata gesehen werden. Das irdische
Paradies der menschlichen Liebe und die grausame Hölle körperlicher
Qualen liegen hier wie verschiebbare Folien übereinander.
Kommentar
Leonardo da Vinci
Das Werk, das ‘Letzte Abendmahl’ belegt, Leonardo da Vinci ist nicht
der Mystik und der Neoplatonik zuzuordnen. Leonardo da Vinci hat mit
dem ‘letzten Abendmahl’ ein komplexes Weltbild gemahlt, in dem er die
grobrastigen Überlieferungen der Evangelien und eigene Erfahrungen zusammengebracht
hat. Seine vielschichtigen psychologisch zu nennenden Betrachtungen
seiner Welt sind in einem konzeptionell intuitiven Bildwerk zusammengeschmolzen.
Leonardo da Vinci hat 2 nebeneinander funktionierende Sprachebenen benutzt.
Zum einen den Ausdruck der Personen in Gestik und Charakter. Zum anderen
eine konsequente Funktionssprache der Gegenstände. Diese wirkt als intuitiv
erfahrbare Ausdrucksschicht und als Interpretationsschlüssel. Seine
konzeptionelle Arbeitsweise ist vor allem als eine detektivische Motivsuche
zu verstehen. Es werden Handlungsräume sichtbar. Leonardo da Vinci legt
nicht fest, wie die Personen gehandelt haben, sondern wie verschiedene
Handlungen ausgesehen haben könnten, und sich gegenseitig beeinflussen.
Konzeptionell ist das Werk auch deshalb zu nennen, da erkennbar wird,
dass alle Symbole der Leidensgeschichte Jesu darin enthalten sind. Da
sind unverkennbar die Dornekrone, Gefäße, die man als Gralsgefäße bezeichnen
kann, das Abendmahl, das Zitat von Hügeln für den Ölberg und Golgata,
sowie ein traumatisch wirkender Kreuzbalken. Vielleicht hat gerade die
Unterschwelligkeit der eingesetzten Symbolik hier zu einem besonderen
Erhalt beigetragen. Leonardo da Vinci hat sich selbst in dem Bild positioniert.
Damit hat er eine wichtige Vorraussetzung geschaffen, sein Weltbild
einordnen zu können. Auch den Witz und die Selbstironie läßt er nicht
vermissen, indem er dem Betrachter sprichwörtlich auf die Füße tritt.
Man kann sagen, dass Leonardo da Vinci sich seiner Aufgabe und Rolle
eines geistigen historischen Brückenkopfes bewußt war. In seiner Zeit
zur Zurückhaltung weltanschaulicher Erkenntnisse genötigt, hat er sein
Genie genutzt, die Ursprungsbotschaft der Geschichte Jesus selbst zu
analysieren, zu interpretieren und in die Zukunft weiterzuleiten. Auffallend
ist Leonardos Respekt und spürbares Empfinden für eine mögliche Identität
der Person Jesu. Leonardo da Vincis Werk bekommt seine Tiefenwirkung
durch den vielschichtigen Umgang mit dem Thema Zeit. Er komprimiert
Zeiträume und Geschehnisse zu Momenten. Individuelle Schicksale werden
in Bewegungssequenzen und Zitaten angerissen, die sich in Geschichte
und Geschichten wandeln können. Und die aus dem Bild tretende Zeitachse
katapultiert die Geschehnisse durch unsere eigene Zeit, in die Zukunft
hinaus.
Ethisches System
Leonardo da Vinci hat in seinem Werk das ‘letzte Abendmahl’, in der
kosmischen Dimension unseres bekannten Universums, die Geburt eines
aufwachenden Bewußtseins des Lebendigen festgehalten, dass in der Person
Jesu eine ethische Mitte gefunden hat. Der Kopf Jesu ist die seismografische
Anzeige, der Auswirkungen der Handlung jedes Einzelnen, als auch der
Gruppe. Durch die Sensibilität von Jesus, wird die eigene Handlung zur
Erfahrung, aus dem auch das Bewusstsein hervorgehen kann. Der ungeheure
Preis für die allgemein verstärkte Wahrnehmung dieser Botschaft, ist
das schreckliches Schicksal, der Kreuzigung Jesu. In dem Bild des Kreuzbalkens
als Waage, komprimiert Leonardo da Vinci diese Beziehung. Wahrnehmung
und Bewusstsein sind hier die elementaren ethischen Grundlagen. Das
Bemühen um eine ganzheitliche Balance in der Gesellschaft ist die Aufgabe,
die Leonardo da Vinci für sich ausgemacht hat. Diese, vor allem für
ihn didaktische Aufgabe, wendet er beim Nachwuchs an und stellt Sie
auch als Frage an den Betrachter. In den Einzelbetrachtungen der Figuren,
wird im Kontrast zur Haltung von Jesus, die Doppelbödigkeit anderer
Haltungen erkennbar. So die Haltung des Petrus, der bereit ist, sein
eigenes Blut zu vergiessen, aber auch das vieler anderer. Der Zweck
heiligt hier offensichtlich nicht die Mittel. In der Ansprache des Gewissens
des Petrus durch eine unaufdringliche göttliche Berührung, wird auch
der Weg eines Hörens auf eine sehr leise innere Stimme aufgezeigt. Und
letztlich wird die göttliche Macht, die hier den Zufall regiert, in
Spannung gesetzt, mit dem menschlichen Ringen um das Schicksal und die
Gestaltung der Zukunft. Die Zukunft des Petrus wird hier in besonderer
Weise dargestellt. Denn an ihm vollzieht sich, aufgehängt an seinem
negativsten Punkt, der Messer haltenden Hand, die 180° Gradwendung seines
gesamten Körpers, wie auch bekanntermaßen seines Geistes. Leonardo da
Vinci hat auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Anerkennung für
die ethische Entwicklung einer Gesellschaft zitiert. Mit dem Bartwuchs
als Gradmesser für die Aufmerksamkeitsverteilung der Gesellschaft, spiegelt
er ein auffallend aktuelles Bild. Judas erfärhrt Anerkennung für seinen
etravaganten Lebensstil, sowie Thomas für seine listige Haltung.
GlaubenversusIntellekt
Leonardo da Vinci hat eine versöhnliche Botschaft kreirrt. Leonardo
da Vinci hat Jesus, sowohl als komplexe intellektuelle und reife Persönlichkeit
dargestellt, als auch als einen Verwandten Gottes. Und er hat erfahrbaren
und nicht erfahrbaren Raum getrennt. Die Grenzen seines Weltbildes haben
sich bis heute um keinen Millimeter verschoben. Der Zusammenhang zwischen
der verstandesorientierten Sicht der Welt und einem unmessbaren göttlichen
Einfluss im Dasein bleibt eine offene Frage. Der menschliche Griff der
Hand Jesu ist daher in dem Bildwerk Leonardo da Vincis auch ein Griff
ins Unbekannte, eben genau in die Wunde unseres nicht Wissens. In diesem
Moment sind alle Menschen vereint. Das Bildwerk, das ‘Letzte Abendmahl’
von Leonardo da Vinci bildet dabei genügend Raum für die verschiedensten
persönlichen Anschauungen. Leonardo da Vinci ist dem, vielleicht wichtigsten
Grundprinzip der menschlichen Wahrneh-mung, treu geblieben: der Toleranz.
1. Nachtrag: Die verstümmelte Hand von Thomas hält bereits den Nagel
in der Hand. Thomas verkörpert die Geburt und Auswirkung des Hasses.
2. Nachtrag: Die äußeren großen Fischteller können als angehängte
Waagschalen des Stangensystems betrachtet werden. Diese werden damit
zur Justitia. Im negativen Einflussbereich von Petrus, Judas und Bartholomäus
ist der Fisch verbrannt, bzw. verkohlt. Damit ist dieser leichter als
der unverbrannte Fisch auf der rechten Seite. Die Justitia würde auf
der linken Seite, negativ nach oben tendieren. Im Zusammenhang der Symbolik
des Fisches für das Christentum, wird damit die unchristliche Haltung,
der 3 oben genannten Personen, gekennzeichnet. Die Ausnahme auf der
linken Seite bildet Andreas. In seinem Einflussbereich, am linken hinteren
Tellerrand, ist warscheinlich ein goldbrauner unverbrannter Fischkopf
angedeutet. Auch dieser kennzeichnet Andreas als besonders christlich
denkende und handelnde Person.

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